„Mehr Praxisbezug“ lautet der Ruf an deutschen Hochschulen.

Vorlesungen, Seminare und Hausarbeiten stehen für fast jeden Studierenden Semester für Semester an. Unmengen an Recherche und theoriebezogenem Wissen plagen die wissenseifrigen Zukunftsgestalter. Dennoch bleibt im Nachgang die Frage offen: wofür kann ich das gebrauchen und selbst wenn diese Frage geklärt ist, wo, wann und wie kann ich mein Erlerntes in die Praxis verlagern?

Theoretische Vorlesungen

Wer kennt es nicht: Die Räume sind voll, die Veranstaltungen überfüllt und die Gesichter der Studierenden ratlos. Die freie Zusammensetzung der Module kann nur bedingt selbst entschieden werden und so finden sich viele junge Menschen in einem Hörsaal wieder und keiner weiß, was vorne passiert. Kein Wunder, dass dadurch ein immer größer werdender Unmut entsteht, wenn Professoren oder Lehrstuhlverantwortliche keinen Praxisbezug herstellen können oder anbieten.

Jedoch ist dies immer häufiger der Fall, denn in deutschen Hochschulen stehen wenig bis gar keine Möglichkeiten zur konkreten praktischen Anwendung auf der Tagesordnung. Es ist also nicht verwunderlich, dass weniger als die Hälfte der Studierenden an Hochschulen zufrieden mit dem Praxisbezug der Lehrveranstaltungen sind, wie die Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz herausfand.

Um zu verstehen, dass hierbei kein Mehrwert entsteht, muss man kein Student sein. Zwar ist faktenbasiertes Lernen nicht falsch und manchmal auch notwendig, nur leider bringt es absolut nichts, wenn man zwei Monate später wieder alles vergessen hat. Klassische Übungsaufgaben sind zwar gut um das erlernte temporär zu speichern, jedoch fehlt hier klar der Bezug zum realen Leben. Darunter leidet aber auch die Bereitschaft, sich mit der Materie so auseinanderzusetzen, dass es klickt und man tatsächlich mit dem Wissen etwas anfangen kann. Dies ist mitunter ein Grund für viele Studierende, den Studiengang zu wechseln oder gänzlich das Studium abzubrechen. Laut einer Studie der  Universität Konstanz brechen an Universitäten jeder Dritte und an Fachhochschulen mehr als 20% der Studierenden ihr laufendes Studium ab.

Sicherlich ist dies alles sehr verallgemeinert, denn natürlich sind nicht alle Professoren oder Dozenten so realitätsfern veranlagt wie hier skizziert, doch die Grundstruktur des Problems ist allgegenwärtig und der ein oder andere Student wird sich wohl in der Situation wiedergefunden haben, dass ihm das Gelernte wenig bringt.

Bezug zur Praxis

Einige Hochschulen folgen dem Ruf der Studierenden nach mehr Praxisbezug und haben ein Pflichtpraktikum in den Studienplan integriert, was definitiv ein Schritt in die richtige Richtung ist. Während eines Praktikums werden Studierenden Einblicke in den Alltag der Praxis geboten und sie können wertvolle Erfahrungen und Skills sammeln. So zu mindestens die Idealvorstellung. Erfahrungsgemäß verrichten Praktikanten jedoch oftmals inhaltlich wertlose Arbeit und ziehen so keinen Mehrwert aus einer durchschnittlich mehrmonatlichen Beschäftigung, die zwar etwas Geld mit sich bringt, aber rückblickend in vielen Fällen als verschwendete Zeit bewertet wird.

Ein Praktikum sollte aber vor allem ein Ziel verfolgen: Das Erlernen berufsrelevanter Kompetenzen und die damit verbundene persönliche Weiterentwicklung.

Regelstudienzeit

Grundsätzlich sind diese Möglichkeiten auf dem Stellenmarkt für Praktikanten vorhanden. Aber wie findet man diese Praktika? Nicht selten sind wichtige Einflussfaktoren überdurchschnittlich gute Noten, ausreichend vorhandene Praxiserfahrung, also bereits abgeschlossene Praktika oder die Beeinflussung durch Netzwerk und Kontakte. Talent wird also des Öfteren persönlicher Neigung untergeordnet. Ein weiterer Nachteil kann die Verzögerung des Abschlusses sein. Für diejenigen, deren Studienplan kein Pflichtpraktikum vorsieht, entsteht eine Trade-Off Entscheidung zwischen dem Einhalten der Regelstudienzeit, ausreichend Praxiserfahrung in Form eines Urlaubssemesters oder keiner Freizeit mehr und damit das Aufgeben der Semesterferien.

Auch in meinem Fall bedeutet dies, dass sich mein Studium aufgrund eines Praktikumssemesters künstlich verlängert. Praktische Erfahrungen zu sammeln und sich Kompetenzen anzueignen sind für mich zwei unglaublich wichtige Faktoren, die im späteren Karrierekampf einen großen Einfluss haben werden. Letztendlich verschiebt sich meine Studienplanung aber ein halbes Jahr nach hinten.

Können Praktika oder auch Werkstudentenjobs den fehlenden Praxisbezug im Studium ersetzen? Ja und nein, denn ein richtig ausgerichtetes und betreutes Praktikum kann Studierenden genau den Praxisbezug bieten, den sie benötigen. Der Umfang an qualitativen Stellen ist aber überschaubar und liegt oftmals für den Großteil der Studierenden, aufgrund der oben genannten Barrieren, außerhalb ihrer Reichweite.

Für dieses Problem mangelt es bisher noch an konstruktiven Lösungsansätzen und so sind wir, die 2,8 Millionen Studierenden in Deutschland, auf innovative und kreative Köpfe angewiesen, die ein umsetzungsfähiges Konzept mit mehr Praxisbezug ausarbeiten.

Habt Ihr euch zu diesem Thema auch Gedanken gemacht? Dann teilt uns diese doch gerne in den Kommentaren mit!

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